Die winzigen Nadelzähne eines Welpen können sich anfühlen wie kleine Messer, die sich in unsere Haut bohren. Was zunächst niedlich erscheint, entwickelt sich schnell zu einem frustrierenden Problem für frischgebackene Hundebesitzer. Doch dieses Verhalten ist weder bösartig noch ein Zeichen für Aggression – es ist ein natürlicher Entwicklungsschritt, der jedoch dringend unsere Aufmerksamkeit und Anleitung benötigt.
Warum Welpen beißen: Die biologischen Hintergründe verstehen
Die Milchzähne brechen gestaffelt durch: Ab der dritten Lebenswoche beginnen die Eckzähne durchzubrechen, gefolgt von den Schneidezähnen in der vierten Woche und den Backenzähnen in der fünften Woche. Das vollständige Milchzahngebiss mit insgesamt 28 Zähnen ist etwa ab der sechsten Lebenswoche komplett entwickelt. Der eigentliche Zahnwechsel zum permanenten Gebiss mit 42 Zähnen findet dann zwischen dem vierten und siebten Monat statt. In dieser Phase verspüren Welpen einen enormen Drang zu kauen und zu beißen, um den Druck auf ihr Zahnfleisch zu lindern. Das Zahnfleisch ist geschwollen, gerötet und hochsensibel – vergleichbar mit einem menschlichen Kleinkind während des Zahnens.
Doch die Zahnungsphase erklärt nur einen Teil des Problems. Welpen erkunden ihre Welt primär mit dem Maul, ähnlich wie Menschenkinder alles in den Mund stecken. Sie testen Texturen, Konsistenzen und Reaktionen. Wenn ein Welpe seinen Wurfgeschwistern zu fest in die Pfote beißt, quietscht das andere Tier auf und beendet das Spiel abrupt – eine essenzielle Lektion in Beißhemmung, die später auch im Umgang mit Menschen entscheidend wird.
Der fatale Fehler vieler Hundehalter
Viele Menschen reagieren instinktiv falsch auf das Beißen ihres Welpen. Sie ziehen die Hand ruckartig weg, schreien emotional oder spielen nach einer kurzen Pause einfach weiter. Für den Welpen wird dieses Verhalten als Bestätigung interpretiert: Die schnelle Bewegung macht das Spiel interessanter, und die lauten Geräusche klingen wie das aufgeregte Bellen seiner Geschwister. Genau das Gegenteil von dem, was wir erreichen wollen.
Noch problematischer ist die Bestrafung durch körperliche Maßregelung oder Anschreien. Diese Methoden schaden der Bindung zwischen Mensch und Hund und können langfristig zu Vertrauensproblemen oder sogar zu echtem Aggressionsverhalten führen. Der Welpe lernt nicht, sein Beißverhalten zu kontrollieren – er lernt lediglich, Angst vor seinem Menschen zu haben.
Die Trainingsmethode: Schritt für Schritt
Quietschen und Ignorieren
Sobald der Welpe zu fest zubeißt, geben Sie ein hohes, kurzes „Aua!“ von sich und lassen Sie Ihre Hand sofort schlaff werden. Nicht wegziehen – einfach bewegungslos halten. Drehen Sie sich anschließend komplett von Ihrem Welpen weg und ignorieren Sie ihn für 20 bis 30 Sekunden vollständig. Kein Blickkontakt, keine Worte, keine Bewegung in seine Richtung.
Diese Methode ahmt das natürliche Feedback seiner Wurfgeschwister nach. Der Welpe lernt: Hartes Beißen bedeutet das sofortige Ende von allem, was Spaß macht. Die Konsequenz muss unmittelbar erfolgen, damit der Welpe die Verbindung zwischen seinem Verhalten und der Reaktion herstellen kann.
Alternative Kauobjekte bereitstellen
Ein Welpe braucht etwas zum Kauen – das ist nicht verhandelbar. Gefrorene Kauwurzeln, spezielle Zahnungsspielzeuge aus dem Kühlschrank, robuste Seile und Kong-Spielzeuge gefüllt mit Nassfutter bieten die perfekte Ablenkung. Die Kälte wirkt dabei besonders wohltuend auf das gereizte Zahnfleisch.
Entscheidend ist das Timing: Bieten Sie das Kauspielzeug an, bevor der Welpe in Ihre Hand beißt. Loben Sie ihn überschwänglich, wenn er das Spielzeug statt Ihrer Haut wählt. Manche Hundetrainer empfehlen, immer ein Spielzeug in der Tasche zu haben, um es blitzschnell als Alternative anbieten zu können.

Impulskontrolle systematisch aufbauen
Beißhemmung ist letztlich eine Form der Impulskontrolle. Integrieren Sie daher Übungen wie „Warten“ vor dem Futternapf, „Sitz“ vor dem Öffnen der Tür oder „Bleib“ während Sie ein Leckerli auf dem Boden platzieren. Diese Übungen trainieren die Fähigkeit des Welpen, seine spontanen Impulse zu kontrollieren – eine Fertigkeit, die sich auf alle Lebensbereiche überträgt, einschließlich der Kontrolle über sein Maul.
Ernährung als unterstützender Faktor
Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle beim Verhalten von Welpen. Achten Sie auf ein ausgewogenes Welpenfutter mit hochwertigem tierischem Protein in angemessenen Mengen. Ein gut zusammengesetztes Futter sollte alle wichtigen Nährstoffe enthalten, die ein Welpe für seine gesunde Entwicklung benötigt.
Omega-3-Fettsäuren, insbesondere DHA und EPA, können die Gehirnentwicklung unterstützen. Diese essentiellen Fettsäuren finden sich beispielsweise in Lachsöl oder entsprechend angereichertem Welpenfutter. Auch Mineralstoffe wie Magnesium und B-Vitamine spielen eine Rolle für ein ausgeglichenes Nervensystem. Konsultieren Sie Ihren Tierarzt, um das passende Futter für Ihren Welpen auszuwählen.
Wenn das Spielen eskaliert: Warnsignale erkennen
Nicht jedes Beißen ist gleich. Lernen Sie, zwischen spielerischem Mundeln und echtem problematischem Verhalten zu unterscheiden. Achten Sie auf diese Warnsignale:
- Steifer Körper mit fixierendem Blick
- Knurren ohne spielerische Elemente
- Zuschnappen ohne Vorwarnung
- Beißen, das sichtbare Verletzungen hinterlässt
Beobachten Sie auch die Eskalationsmuster. Manche Welpen werden zu bestimmten Tageszeiten besonders bissig – meist abends, wenn sie übermüdet sind. Diese berüchtigte „Witching Hour“ kennen viele Welpenbesitzer. Die Lösung ist nicht mehr Aktivität, sondern strukturierte Ruhezeiten. Welpen haben ein hohes Schlafbedürfnis von bis zu 20 Stunden täglich und können sich oft nicht selbst zur Ruhe bringen.
Sozialisierung als Schlüssel zum Erfolg
Der Kontakt zu gut sozialisierten erwachsenen Hunden ist unbezahlbar. Ein erfahrener Hund wird einen zu stürmischen Welpen präzise und angemessen zurechtweisen – auf eine Art, die wir Menschen nie nachahmen können. Suchen Sie gezielt nach Welpenspielgruppen oder arrangieren Sie Treffen mit bekannten, verträglichen Hunden.
Auch der Kontakt zu gleichaltrigen Welpen ist wichtig, sollte aber überwacht werden. Hier verfeinern Welpen ihre Beißhemmung im reziproken Spiel. Achten Sie darauf, dass beide Spielpartner ähnlich groß und temperamentvoll sind und dass das Spiel ausgeglichen bleibt. Ein Welpe, der ständig der Unterlegene ist, lernt möglicherweise entweder übermäßige Vorsicht oder entwickelt Abwehrverhalten.
Geduld als wichtigste Zutat
Die Entwicklung einer zuverlässigen Beißhemmung dauert Monate, nicht Tage. Sie ist ein gradueller Prozess, bei dem der Welpe zunächst lernt, den Druck zu reduzieren, dann die Häufigkeit des Beißens verringert und schließlich vollständig auf das Beißen von Menschen verzichtet. Rückschläge sind normal und gehören zum Lernprozess dazu.
Feiern Sie kleine Fortschritte: Der Welpe beißt heute etwas sanfter als gestern. Er lässt schneller los. Er wählt häufiger das Spielzeug statt Ihrer Hand. Diese winzigen Erfolge summieren sich zu einem gut erzogenen, sozial kompetenten erwachsenen Hund. Dokumentieren Sie die Fortschritte in einem Tagebuch – das hilft an frustrierenden Tagen, wenn man das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten.
Die Investition in korrektes Training während der Welpenzeit zahlt sich ein Leben lang aus. Ein Hund, der gelernt hat, sein Maul zu kontrollieren, ist sicherer im Umgang mit Kindern, anderen Tieren und in unerwarteten Situationen. Diese frühe Erziehung ist kein lästiges Übel, sondern ein Geschenk an Ihren Hund – und an jeden, der ihm im Laufe seines Lebens begegnen wird.
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