Wer beim Wocheneinkauf nach günstigen Proteinquellen sucht, greift häufig zu Dosenkonserven. Sardinen reich an Omega-3-Fettsäuren gehören dabei zu den beliebtesten Optionen – praktisch, nährstoffreich und oft im Angebot. Doch gerade bei vermeintlichen Schnäppchen lohnt sich ein genauer Blick auf die Verpackung. Denn was auf den ersten Blick wie ein attraktiver Preisvorteil aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung oft als clevere Marketingstrategie, die mit unrealistischen Portionsangaben arbeitet.
Das Problem mit den Portionsangaben auf der Verpackung
Die Nährwerttabelle auf Sardinenkonserven gibt standardmäßig Auskunft über Kalorien, Fette, Proteine und weitere Nährstoffe. Häufig finden sich dort jedoch Angaben pro Portion, die bei genauerem Hinsehen überraschen: Verschiedene Hersteller teilen ihre Dosen in unterschiedlich viele Portionen auf, selbst wenn das Gesamtgewicht identisch ist. In der Praxis bedeutet das, dass eine einzelne Portion mit sehr geringen Mengen angesetzt wird – eine Menge, die kaum jemand als vollständige Mahlzeit betrachten würde.
Diese Angaben sind nicht zufällig gewählt. Kleinere Portionsgrößen lassen die Nährwerte pro Portion deutlich günstiger erscheinen. Ein Produkt mit 200 Kalorien pro 100 Gramm wirkt mit deutlich niedrigeren Werten pro Portion plötzlich wie ein leichter Snack. Auch der Salzgehalt, der bei Konserven typischerweise bei etwa 1,0 Gramm pro 100 Gramm liegt, schrumpft rechnerisch auf Werte, die harmlos klingen. Wer die gesamte Dose isst, nimmt jedoch ein Vielfaches der angegebenen Nährwerte zu sich.
Preisvergleiche werden zum Rätselspiel
Besonders problematisch wird diese Praxis bei Sonderangeboten und Aktionspreisen. Supermärkte bewerben ihre Angebote häufig mit auffälligen Schildern, die prozentuale Rabatte oder absolute Preisnachlässe versprechen. Der tatsächliche Preisvorteil lässt sich jedoch nur schwer einschätzen, wenn die Bezugsgrößen nicht transparent sind.
Eine Dose mit höherem Gesamtgewicht enthält nach dem Abtropfen oft deutlich weniger Fisch als erwartet. Wird dieser dann in mehrere Portionen unterteilt, entstehen unterschiedliche Rechengrundlagen, die einen direkten Vergleich mit anderen Produkten nahezu unmöglich machen. Steht man vor dem Regal und möchte verschiedene Angebote vergleichen, müsste man eigentlich einen Taschenrechner zücken, um den tatsächlichen Grundpreis pro 100 Gramm essbarem Inhalt zu ermitteln.
Unterschiedliche Füllmengen erschweren die Orientierung
Hinzu kommt, dass Sardinenkonserven in zahlreichen Größen angeboten werden. Von 80-Gramm-Dosen über 120-Gramm und 125-Gramm-Varianten bis zu 135-Gramm-Dosen und größeren Formaten ist alles vertreten. Die Portionsangaben folgen dabei keinem einheitlichen Standard. Während ein Hersteller bei einer bestimmten Dosengröße eine andere Portionszahl angibt, definiert ein anderer bei identischem Gewicht plötzlich mehr oder weniger Portionen. Diese Inkonsistenz macht rationale Kaufentscheidungen zur Herausforderung.
Nährwertangaben: Scheinbar gesund auf den ersten Blick
Die gesundheitsbewusste Käuferin oder der Käufer, der gezielt auf Makronährstoffe achtet, steht vor ähnlichen Schwierigkeiten. Sardinen liefern hochwertiges Protein mit dokumentierten Werten zwischen 19,4 und 24 Gramm pro 100 Gramm, wichtige Omega-3-Fettsäuren mit etwa 2,0 Gramm pro 100 Gramm und verschiedene Vitamine. Doch auch hier können unrealistische Portionsgrößen in die Irre führen.
Die Verpackung gibt Proteinwerte pro Portion an, die zunächst vernünftig klingen. Teilt man die Dose jedoch tatsächlich in die angegebenen Portionen auf, bleibt pro Mahlzeit eine winzige Menge übrig, die kaum sättigt. Wer die gesamte Dose verzehrt – was der Realität deutlich näher kommt – nimmt dann plötzlich ein Vielfaches aller angegebenen Werte zu sich. Das betrifft nicht nur die erwünschten Nährstoffe, sondern auch Natrium, Kalorien und gesättigte Fettsäuren.

Besondere Vorsicht bei eingelegten Varianten
Sardinen werden in verschiedenen Aufgüssen angeboten: in Öl, in Tomatensauce oder in Salzlake. Gerade bei ölhaltigen Konserven macht die Portionsgröße einen erheblichen Unterschied. Öl schlägt mit etwa 9 Kalorien pro Gramm zu Buche. Wird das Produkt in kleine Portionen unterteilt, erscheint der Kaloriengehalt moderat. Tatsächlich können Sardinen in scharfem Olivenöl jedoch 250 Kalorien pro 100 Gramm liefern – deutlich mehr als unzubereitete ganze Sardinen mit etwa 100 Kalorien pro 100 Gramm. Die Portionsangabe verschleiert diesen Unterschied erheblich.
Worauf Verbraucher konkret achten sollten
Um sich nicht von irreführenden Portionsangaben täuschen zu lassen, helfen einige praktische Strategien beim Einkauf:
- Immer die Nährwerte pro 100 Gramm prüfen: Diese Angabe ist nach der Lebensmittelinformationsverordnung gesetzlich verpflichtend und bietet die verlässlichste Vergleichsgrundlage zwischen verschiedenen Produkten.
- Abtropfgewicht beachten: Entscheidend ist nicht das Gesamtgewicht der Dose, sondern wie viel Fisch tatsächlich enthalten ist. Diese Information findet sich meist im Kleingedruckten.
- Grundpreis im Regal nutzen: Die meisten Supermärkte geben am Preisschild einen Grundpreis pro 100 Gramm oder pro Kilogramm an. Dieser ist die beste Orientierung für Preisvergleiche.
- Realistische Verzehrmenge einkalkulieren: Überlegen Sie ehrlich, wie viel Sie tatsächlich essen würden. Eine halbe Dose als Beilage zum Salat? Eine ganze Dose auf Brot? Die Portionsangabe ist selten realitätsnah.
Die rechtliche Grauzone
Aus rechtlicher Sicht bewegen sich die Hersteller mit ihren Portionsangaben in einem erlaubten Bereich. Die Lebensmittelinformationsverordnung schreibt vor, dass Nährwertangaben sowohl pro 100 Gramm als auch pro Portion aufgeführt werden müssen. Es gibt jedoch keine verbindliche Vorschrift, die realistische Portionsgrößen vorschreibt. Die Verordnung lässt den Herstellern Spielraum bei der Definition einer Portion. Solange die Angaben pro 100 Gramm ebenfalls aufgeführt sind, erfüllen die Verpackungen die gesetzlichen Anforderungen.
Diese Freiheit wird jedoch zunehmend kritisch betrachtet. Verbraucherschützer fordern seit Jahren einheitliche Standards, die sich an tatsächlichen Verzehrgewohnheiten orientieren. Insbesondere bei Produkten, die als einzelne Mahlzeit oder Beilage konzipiert sind, wäre eine realistischere Portionsdefinition wünschenswert.
Praktische Tipps für den bewussten Einkauf
Wer Sardinen aus der Dose kauft, muss nicht auf dieses praktische und nährstoffreiche Lebensmittel verzichten. Mit etwas Aufmerksamkeit lassen sich die Fallstricke der Portionsangaben umgehen. Fotografieren Sie beim nächsten Einkauf die Nährwerttabellen verschiedener Produkte und vergleichen Sie diese zu Hause in Ruhe. Sie werden überrascht sein, wie unterschiedlich die Werte ausfallen – und wie wenig die Portionsangaben mit der Realität zu tun haben.
Ein weiterer Ansatz ist die Kalkulation des Proteingehalts pro Euro. Gerade bei Angeboten lohnt sich diese Rechnung: Teilen Sie die Gramm Protein pro Dose durch den Preis. So erkennen Sie schnell, welches vermeintliche Schnäppchen tatsächlich ein gutes Angebot ist und welches nur durch geschickte Verpackungsgestaltung attraktiv wirkt. Die Industrie setzt darauf, dass die meisten Verbraucher die Portionsangaben für bare Münze nehmen und nicht weiter hinterfragen. Wer jedoch informiert ist und die richtigen Vergleichswerte kennt, kann diese Strategien durchschauen und echte Preisvorteile identifizieren. Der Blick auf die 100-Gramm-Angabe kostet nur einen Moment – und schützt vor teuren Fehleinschätzungen beim Einkauf.
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