Telegram gilt als eine der beliebtesten Messenger-Alternativen zu WhatsApp und bietet zahlreiche Funktionen, die Nutzer begeistern. Doch gerade bei den Sicherheitseinstellungen schleicht sich ein Fehler ein, der fatale Folgen für die Privatsphäre haben kann: Viele Anwender aktivieren die biometrische Sperre ihrer App – sei es per Fingerabdruck oder Face ID – und wiegen sich dabei in trügerischer Sicherheit. Was zunächst nach einer cleveren Schutzmaßnahme aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als gefährliche Halbherzigkeit. Denn während die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung eure Nachrichten wirklich schützt, sichert die biometrische Sperre lediglich den Zugang zur App auf eurem Gerät.
Der Trugschluss: Biometrische Sperre gleich maximale Sicherheit?
Die biometrische Sperre verhindert zwar, dass jemand mit physischem Zugriff auf euer Smartphone einfach Telegram öffnen und eure Chats lesen kann. Das ist grundsätzlich eine sinnvolle Maßnahme, besonders wenn ihr euer Handy häufig unbeaufsichtigt liegen lasst oder es mal verloren geht. Der kritische Punkt liegt jedoch woanders: Diese Funktion schützt ausschließlich den Zugang zur App auf eurem Gerät – nicht aber die Daten selbst.
Telegram speichert eure Chatverläufe standardmäßig in seiner eigenen Cloud-Infrastruktur. Und hier wird es brenzlig: Die regulären Chats sind nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt, sondern nutzen eine Client-Server/Server-Client-Verschlüsselung. Das bedeutet, dass Telegram selbst theoretisch Zugang zu euren Nachrichten hat und diese Daten auf seinen Servern vorliegen. Anders als bei einer echten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der nur Sender und Empfänger die Nachrichten entschlüsseln können, sind eure Cloud-gespeicherten Chats für Telegram und möglicherweise für Dritte einsehbar.
Was passiert mit unverschlüsselten Chats in der Cloud?
Die Cloud-Speicherung ohne Ende-zu-Ende-Verschlüsselung ist ein Datenschutz-Albtraum. Telegram speichert nicht nur eure Chatinhalte, sondern auch IP-Adressen, Gerätedetails, Metadaten zur Erstellung von Bewegungsprofilen und Telefonbuchinformationen – und das bis zu zwölf Monate lang. Diese Informationen liegen auf den Telegram-Servern und können unter bestimmten Umständen eingesehen werden.
Besonders brisant wurde die Situation nach der Verhaftung von Telegram-CEO Pavel Durov in Frankreich im Jahr 2024. Nach jahrelangem Widerstand änderte Telegram seine Datenschutzrichtlinien grundlegend: Der Messenger gibt nun erstmals IP-Adressen und Telefonnummern an Strafverfolgungsbehörden weiter, sofern diese einen rechtsgültigen Gerichtsbeschluss vorlegen. Zuvor hatte das Unternehmen stets behauptet, null Bytes an Nutzerdaten an Dritte weiterzugeben.
Warum machen so viele diesen Fehler?
Die Antwort ist simpel: Bequemlichkeit und mangelndes Bewusstsein. Telegram bewirbt die biometrische Sperre prominent in den Einstellungen und macht es Nutzern leicht, diese mit wenigen Klicks zu aktivieren. Das gibt ein gutes Gefühl – schließlich muss man jetzt den Finger auflegen oder ins Telefon schauen, um die App zu öffnen. Die echte Verschlüsselung durch geheime Chats hingegen ist umständlicher und erfordert aktives Handeln bei jeder einzelnen Konversation.
Viele Nutzer verstehen zudem nicht den fundamentalen Unterschied zwischen Zugangsschutz und Datenverschlüsselung. Die biometrische Sperre ist vergleichbar mit einem Türschloss: Sie hält Eindringlinge draußen, solange sie vor der Tür stehen. Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung hingegen ist wie ein Safe, der eure Wertsachen auch dann schützt, wenn jemand bereits im Haus ist.
So richtet ihr echten Schutz für eure Telegram-Chats ein
Die Lösung erfordert mehrere Schritte. Ihr müsst verschiedene Sicherheitsebenen kombinieren, um wirklich geschützt zu sein. Beginnt damit, die biometrische Sperre zu aktivieren: Öffnet Telegram und tippt auf die drei horizontalen Linien im Menü, navigiert zu Einstellungen und wählt Datenschutz und Sicherheit. Scrollt zu Passcode und Face ID bei iOS beziehungsweise Passcode und Fingerabdruck bei Android und aktiviert die biometrische Authentifizierung.
Geheime Chats für sensible Gespräche nutzen
Nur die sogenannten geheimen Chats bei Telegram bieten echte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Diese müssen bewusst für jede Konversation einzeln gestartet werden und funktionieren nur zwischen zwei Geräten – eine Cloud-Synchronisation ist ausgeschlossen. Das mag unpraktisch erscheinen, ist aber der einzige Weg, um sicherzustellen, dass wirklich nur ihr und euer Gesprächspartner die Nachrichten lesen könnt.

Öffnet dafür ein Profil der Person, mit der ihr sicher kommunizieren möchtet, tippt auf die drei Punkte und wählt Geheimen Chat starten. Optional könnt ihr hier auch selbstzerstörende Nachrichten aktivieren. Wichtig: Geheime Chats sind nur als Einzelchats verfügbar, nicht für Gruppen. Sie werden niemals in der Cloud gesichert und existieren ausschließlich auf den beiden beteiligten Geräten.
Weitere Sicherheitsmaßnahmen, die ihr nicht ignorieren solltet
Während ihr gerade dabei seid, eure Telegram-Sicherheit zu optimieren, lohnen sich zusätzliche Schritte. Die Zwei-Faktor-Authentifizierung schützt euer Telegram-Konto besonders vor SIM-Swapping-Angriffen, bei denen Kriminelle versuchen, die Kontrolle über eure Telefonnummer zu übernehmen. Wenn ihr die Zwei-Faktor-Authentifizierung aktiviert habt, müsst ihr zusätzlich zum SMS-Code ein Passwort eingeben. Telegram testet derzeit sogar Passkeys als Ersatz für SMS-Codes, um solche Angriffe vollständig zu verhindern. Findet ihr unter Einstellungen, Datenschutz und Sicherheit, Bestätigung in zwei Schritten.
Telegram erlaubt die gleichzeitige Nutzung auf mehreren Geräten. Unter Einstellungen und Geräte seht ihr alle aktiven Sitzungen und könnt verdächtige Zugriffe sofort beenden. Prüft diese Liste regelmäßig, um sicherzustellen, dass nur eure eigenen Geräte mit eurem Konto verbunden sind. In geheimen Chats könnt ihr außerdem einen Timer für automatische Löschfunktion einstellen. Die Nachrichten verschwinden nach einer festgelegten Zeit von beiden Geräten – perfekt für besonders sensible Informationen.
Der Unterschied zu anderen Messengern
Im Vergleich zu WhatsApp, das seit 2016 standardmäßig Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für alle Chats bietet, verfolgt Telegram einen anderen Ansatz. Die regulären Chats sind nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt, sondern nutzen eine Client-Server/Server-Client-Verschlüsselung. Das macht Features wie den Gerätewechsel und Cloud-Zugriff komfortabler, bedeutet aber auch, dass Telegram theoretisch Zugang zu euren Nachrichten hat.
Signal hingegen setzt auf maximale Sicherheit: Alle Nachrichten sind Ende-zu-Ende-verschlüsselt, und lokale Backups können mit einem Passwort geschützt werden. Der Preis dafür ist geringere Flexibilität beim Gerätewechsel. Telegram bietet mit den geheimen Chats und Sprachanrufen echte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung – aber nur, wenn ihr diese Funktionen auch aktiv nutzt. Die biometrische Sperre allein reicht definitiv nicht aus, um eure Privatsphäre zu schützen. Ihr müsst für jede sensible Konversation bewusst einen geheimen Chat starten, was vielen Nutzern zu umständlich ist.
Warum Datenschutz mehr ist als ein Werbeversprechen
In Zeiten von Datenskandalen, Identitätsdiebstahl und zunehmender digitaler Überwachung ist echte Datensicherheit kein Luxus mehr, sondern eine Notwendigkeit. Messenger-Dienste wissen erschreckend viel über uns: Mit wem wir kommunizieren, wann, wie häufig und worüber. Diese Metadaten allein erzählen bereits eine detaillierte Geschichte unseres Lebens.
Telegram speichert nicht nur Chatinhalte, sondern erstellt durch die Kombination von IP-Adressen, Gerätedetails und Nutzungsmustern umfassende Bewegungsprofile. Diese Informationen bleiben bis zu zwölf Monate auf den Servern gespeichert. Nach der Richtlinienänderung im Jahr 2024 können diese Daten bei entsprechenden Gerichtsbeschlüssen auch an Ermittlungsbehörden weitergegeben werden.
Dabei spielt es keine Rolle, ob ihr glaubt, nichts zu verbergen zu haben – jeder hat ein Recht auf Privatsphäre, und dieses Recht solltet ihr aktiv wahrnehmen. Die biometrische Sperre ist ein guter Anfang, aber erst in Kombination mit geheimen Chats für sensible Gespräche, Zwei-Faktor-Authentifizierung und regelmäßigen Sicherheitschecks entfaltet sie ihre volle Wirkung. Macht euch bewusst, dass eure regulären Telegram-Chats in der Cloud gespeichert sind und nicht die gleiche Sicherheit bieten wie geheime Chats mit echter Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Nur wer beide Sicherheitsebenen kombiniert, schützt sich wirklich effektiv vor unbefugtem Zugriff und Datenmissbrauch.
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